In einer randomisierten Studie zu Dronabinol bei Krebs mit 469 auswertbaren Personen berichteten 49 Prozent eine Appetitbesserung, unter dem Vergleichsarzneistoff Megestrolacetat 75 Prozent [1]. Seitdem haben weitere Studien, Meta-Analysen und Leitlinien die Frage geprüft, was Cannabinoide bei Appetitverlust und Kachexie messbar verändern.
Eine Mahlzeit wieder genießen zu können, ist ein bedeutendes Ziel. Geschmack, Hunger und das gemeinsame Essen gehören zur Lebensqualität, gerade bei einer schweren Erkrankung. Cannabinoide sind deshalb seit Langem Gegenstand der Forschung zu Appetit und ernährungsbezogenen Beschwerden. Einzelne kontrollierte Versuche liefern interessante Hinweise auf eine bessere Wahrnehmung von Speisen und bestimmte Appetitmaße.
Für die medizinische Einordnung lohnt es sich, diese Ziele auseinanderzuhalten. Mehr Lust aufs Essen, eine höhere Energieaufnahme, zusätzliches Körpergewicht und erhaltene Muskelkraft beschreiben unterschiedliche Erfolge. Hier erfährst du, was dazu geprüft wurde und wie sich daraus präzisere Forschungsfragen entwickeln lassen.
Das Wichtigste für Schnellleser
- Befund (randomisierte kontrollierte Studie, RCT, 2002, n = 469): Dronabinol war Megestrolacetat bei Appetit (49 gegenüber 75 Prozent) und Gewichtszunahme unterlegen [1].
- Befund (RCT 2006, n = 243): Ein THC/CBD-Extrakt und THC unterschieden sich bei Appetit und Lebensqualität nicht von Placebo [2].
- Befund (Meta-Analyse 2022, 3 RCTs, n = 297): Für Appetit ergab sich kein Unterschied zur Kontrolle (standardisierte Mittelwertdifferenz, SMD, −0,02), mit sehr niedriger Vertrauenswürdigkeit [3].
- Zulassung und Leitlinie: In den USA ist Dronabinol für Appetitverlust mit Gewichtsverlust bei AIDS zugelassen, nicht für Krebskachexie [4]; die Leitlinie der American Society of Clinical Oncology (ASCO) von 2024 gibt für geringes Gewicht oder Appetit keine Empfehlung [5].
- Methodik: Appetit, Energieaufnahme, Körpergewicht und Muskelmasse sind getrennte Endpunkte; die Konsensusdefinition der Kachexie stellt den Muskelverlust in den Mittelpunkt [6].
- Offene Frage: Ob Menschen mit verändertem Geschmacks- und Geruchserleben eine geeignete Zielgruppe sind, beruht bisher auf einer Pilotstudie mit 21 Abschlüssen [7].
Appetit ist nicht gleich Körpergewicht
Appetit beschreibt das Verlangen zu essen. Eine Studie kann dieses Erleben mit einem Fragebogen oder einer Skala erfassen. Die tatsächliche Nahrungsaufnahme ist eine weitere Größe: Wie viel wurde gegessen, über welchen Zeitraum und mit welcher Zusammensetzung? Ein günstiger Appetitwert muss nicht automatisch mit einer entsprechend höheren Energieaufnahme einhergehen.
Körpergewicht fasst wiederum mehrere Bestandteile zusammen. Neben Muskel- und Fettmasse beeinflussen auch Flüssigkeitsveränderungen den Messwert. Deshalb ist eine Gewichtszunahme nicht von sich aus ein Nachweis dafür, dass Muskelmasse oder körperliche Funktion zugenommen haben. Für diese Ziele brauchen Studien zusätzliche Untersuchungen.
Ein konkretes Ziel macht den Nutzen verständlich
Wenn eine Person Speisen wieder angenehmer wahrnimmt, kann das einen eigenen Wert besitzen. Der Nachweis dafür sollte genau so beschrieben werden. Eine allgemeine Behauptung über den gesamten Ernährungszustand würde weitere Belege verlangen. Diese Trennung hilft auch, die Ergebnisse verschiedener Studien sinnvoll nebeneinanderzustellen.
Das Endocannabinoid-System wird unter anderem im Zusammenhang mit Motivation und Nahrungsaufnahme untersucht. Die biologische Plausibilität macht die klinische Frage interessant; das konkrete Ergebnis wird an Menschen mit einer bestimmten Erkrankung geprüft. NCI-PDQ, Appetitforschung Die Grundlagen der beteiligten Stoffe findest du in Cannabinoide und medizinisches Potenzial. [8]
Kachexie als komplexes Krankheitsbild
Krebsbedingte Kachexie ist ein vielschichtiges Syndrom, zu dem fortschreitender Verlust von Skelettmuskelmasse und funktionelle Beeinträchtigung gehören. Der internationale Konsensus beschreibt eine veränderte Protein- und Energiebilanz, an der verringerte Nahrungsaufnahme und Stoffwechselveränderungen in unterschiedlichem Ausmaß beteiligt sein können. Herkömmliche Ernährung allein kann dieses Geschehen nicht vollständig umkehren. Fearon et al., Konsensusdefinition
Damit ist Kachexie eine umfassendere Forschungsfrage als ein vorübergehend geringer Appetit. Auch die Ausgangslage unterscheidet sich: Erkrankungsstadium, Behandlung, Entzündungsaktivität und bisheriger Gewichtsverlauf können die untersuchten Gruppen prägen. Studien müssen diese Merkmale nachvollziehbar beschreiben, damit Ergebnisse vergleichbar werden. [6]
Als diagnostisches Kriterium legte der Konsensus einen Gewichtsverlust von mehr als 5 Prozent fest, oder mehr als 2 Prozent bei bereits verringertem Körpermasseindex unter 20 oder bei Sarkopenie [6].
Mehrere Bereiche können gemeinsam wichtig sein
Die ESMO-Leitlinie zur Kachexie betont einen Ansatz, der Ernährung, körperliche Funktion, Stoffwechsel und belastende Symptome zusammen betrachtet. Für einen Wirkstoffversuch bedeutet das: Der zusätzliche Beitrag sollte innerhalb einer klar beschriebenen Versorgung geprüft werden. ESMO, 2021
Auch psychosoziale Aspekte gehören zu den relevanten Zielen. Mahlzeiten können Freude, Normalität und Begegnung ermöglichen; Ernährungsprobleme können zugleich belasten. Eine Studie, die diese Erfahrungen erfasst, ergänzt Gewicht und Laborwerte um eine wichtige menschliche Perspektive. Die biologischen Entzündungsfragen erläutert Cannabinoide und Entzündung. [9]
Welche Wirkstoffe geprüft wurden
In den onkologischen Versuchen wurden unter anderem Dronabinol, THC/CBD-Extrakte, Nabilon und CBD untersucht. Sie unterscheiden sich in Zusammensetzung und Wirkprofil. Deshalb ist die allgemeine Überschrift Cannabinoide nur der Anfang einer präzisen Beschreibung.
Dronabinol und ein aktiver Vergleich
Jatoi und Kollegen verglichen 2002 bei 469 auswertbaren Menschen mit fortgeschrittener Krebserkrankung Dronabinol, Megestrolacetat und die Kombination beider Arzneistoffe. Eine Appetitbesserung berichteten 49 Prozent unter Dronabinol und 75 Prozent unter Megestrolacetat. Mindestens zehn Prozent Gewichtszunahme erreichten drei beziehungsweise elf Prozent. Die Kombination brachte gegenüber Megestrolacetat allein keinen zusätzlichen nachgewiesenen Vorteil. Originalabstract
Die Prozentwerte bezeichnen Anteile von Personen mit dem jeweiligen Ergebnis. Sie bedeuten keine entsprechende prozentuale Zunahme eines Appetitscores oder des durchschnittlichen Körpergewichts. Der aktive Vergleich beantwortet außerdem eine andere Frage als ein reiner Placebovergleich. Eine bestimmte Zahl berichteter Besserungen innerhalb eines Behandlungsarms genügt für sich allein noch nicht, um den spezifischen Zusatzbeitrag zu bestimmen. [1]
Die Unterschiede zugunsten von Megestrolacetat waren statistisch signifikant: beim Appetit mit p = 0,0001, bei einer Gewichtszunahme um mindestens 10 Prozent mit p = 0,02 [1]. Gefördert wurde die Studie durch Zuschüsse des US-amerikanischen National Cancer Institute [1].
Extrakt, THC und Placebo direkt verglichen
Strasser und Kollegen randomisierten 243 Menschen mit krebsbedingtem Anorexie-Kachexie-Syndrom auf einen definierten THC/CBD-Extrakt, THC oder Placebo. 164 schlossen die sechswöchige Behandlung ab. Für Appetit und Lebensqualität zeigten sich in der Auswertung keine signifikanten Unterschiede zwischen den drei Gruppen. Originalabstract, 2006
Dieser Versuch ist auch für die Frage nach Pflanzenstoffkombinationen interessant: Er enthielt einen direkten Vergleich zwischen dem geprüften Extrakt und THC. Die Ergebnisse tragen für diese Bedingungen keinen Vorteil der Kombination. Ob andere Zusammensetzungen bei anderen klar definierten Zielen nützlich sind, wäre eine neue Prüfaufgabe. Die methodischen Grundlagen dazu findest du beim Entourage-Effekt. [2]
Ein unabhängiges Prüfgremium empfahl, die Rekrutierung zu beenden, weil sich die Studienarme nicht ausreichend unterschieden [2].
Der zugelassene Anwendungskontext ist genau zu lesen
Die US-Produktinformation zu Marinol nennt bei Erwachsenen Appetitverlust mit Gewichtsverlust im Zusammenhang mit AIDS als Indikation. Das ist ein konkreter Arzneimittel- und Krankheitskontext. Daraus folgt weder eine allgemeine onkologische Kachexiewirkung noch eine deutsche Marinol-Zulassung. DailyMed, Abschnitt 1 Den Wirkstoff selbst erklärt Dronabinol als Arzneistoff. [4]
Als zweite Indikation nennt die Produktinformation Übelkeit und Erbrechen bei Chemotherapie, wenn herkömmliche Mittel nicht ausreichend gewirkt haben [4]. Für Gewichtsverlust bei HIV fand eine Meta-Analyse eine Gewichtszunahme gegenüber Placebo (SMD 0,57), mit sehr niedriger Vertrauenswürdigkeit [10]. Ein Cochrane-Review fand in einer relativ kleinen Studie aus der Zeit vor moderner antiretroviraler Therapie keinen gesicherten Unterschied beim Anteil mit mindestens 2 Kilogramm Zunahme [11].
Patientenrelevante Endpunkte im Vergleich
Eine kleine Studie von Brisbois und Kollegen untersuchte 46 Menschen mit fortgeschrittener Krebserkrankung, eingeschränktem Appetit und verändertem Geschmacks- oder Geruchserleben. 21 schlossen den kurzen Versuch ab. Unter THC fielen mehrere subjektive Angaben zur Wahrnehmung von Speisen und zum Genuss günstiger aus als unter Placebo. Auch einzelne Appetit- und Ernährungsmaße lieferten positive Hinweise. Originalabstract, 2011
Dieser gezielte Befund eröffnet eine interessante Perspektive: Menschen mit bestimmten sensorischen Beschwerden könnten eine sinnvoll definierte Gruppe für weitere Studien sein. Die geringe Zahl der Abschlüsse und die vielen erfassten Maße begrenzen die Sicherheit der Aussage. Gesamte Energieaufnahme und Lebensqualität besserten sich in beiden Gruppen; daraus entsteht kein Beleg für einen allgemeinen Gewichtseffekt von THC. [7]
Die Versuchsdauer betrug 18 Tage; randomisiert wurden 24 Personen auf THC und 22 auf Placebo. Günstiger fielen unter anderem die chemosensorische Wahrnehmung (p = 0,026), die Angabe, Essen schmecke besser (p = 0,04), und der Appetit vor Mahlzeiten (p = 0,05) aus; Lebensqualität und Kalorienaufnahme besserten sich in beiden Gruppen [7]. Gefördert wurde die Studie von den kanadischen Canadian Institutes of Health Research [7].
Gesamtsymptome sind ein anderes Hauptziel
Im MedCan1-CBD-Versuch wurden 144 Menschen mit fortgeschrittener Krebserkrankung randomisiert. Sie erhielten zusätzlich zur Palliativversorgung CBD oder Placebo. Der primäre Endpunkt war die gesamte Symptombelastung nach 14 Tagen. CBD zeigte dafür keinen signifikanten Zusatznutzen; auch für die ergänzend erfassten Einzelkomponenten wurde kein Gruppenunterschied gefunden. Hardy et al., 2023; online 2022
Diese Studie ist für das Gesamtbild wertvoll, war aber kein eigenständiger Versuch zum Erhalt der Muskelmasse bei einer streng definierten Kachexie. Eine Verbesserung von Übelkeit, Appetit, Stimmung oder körperlicher Funktion benötigt jeweils einen passenden Endpunkt. Der Beitrag zu Cannabinoiden gegen Übelkeit behandelt entsprechend eine eigene medizinische Frage. [12]
In der Studie mit 144 Randomisierten sank die Symptombelastung bis Tag 14 unter Placebo um 6,2 Punkte, unter CBD um 3,0 Punkte (p = 0,24). Als Ansprechen galt eine Abnahme um mindestens 6 Punkte; das erreichten 58,7 Prozent unter Placebo und 44,8 Prozent unter CBD (p = 0,13) [12].
Was systematische Auswertungen zeigen
Simon und Kollegen fassten in einer 2022 veröffentlichten Übersicht vier randomisierte und sechs nicht randomisierte Studien zu Kachexieergebnissen zusammen. Die Suche reichte bis Mai 2020. Für Appetit, Gewicht und eine bessere Lebensqualität ergab sich insgesamt kein verlässlicher Cannabinoidnutzen; die Aussagekraft vieler Befunde war gering. Berichte aus nicht randomisierten Untersuchungen fielen teilweise günstiger aus. Originalübersicht
Solche Unterschiede sind erklärbar. Beobachtungen können wertvolle Hinweise auf erlebte Veränderungen und geeignete Forschungsziele liefern. Ein kontrollierter Vergleich hilft zusätzlich, den Beitrag eines Präparats von Begleitversorgung, Erwartungen und zeitlichen Veränderungen zu unterscheiden. Beide Studientypen sollten mit ihrer jeweiligen Aussagekraft erkennbar bleiben. [3]
Für Appetit ergab die Meta-Analyse eine standardisierte Mittelwertdifferenz von −0,02 (95-Prozent-Konfidenzintervall −0,51 bis 0,46), mit sehr niedriger Vertrauenswürdigkeit. Bei der Lebensqualität lag der Wert mit −0,25 (−0,43 bis −0,07) zugunsten der Kontrollgruppen, bei moderater Vertrauenswürdigkeit [3]. Eingeschlossen waren vier RCTs und sechs nicht randomisierte Studien; die Literatursuche reichte bis Mai 2020 [3].
Was die neuere Literatur ergänzt
Ein 2026 veröffentlichter Umbrella-Review von Zamanian und Kollegen untersuchte mehrere Arzneimittelgruppen gegen krebsbedingte Anorexie und Kachexie. In seiner Cannabinoid-Auswertung fand sich ebenfalls kein gesicherter Effekt auf Körpergewicht, Appetit oder Lebensqualität. Kurzfristige Appetitsignale einzelner Untersuchungen änderten diese Gesamteinordnung nicht. Originalpublikation und öffentliche Zusammenfassung
Ein Umbrella-Review fasst bereits vorhandene systematische Übersichten zusammen. Er ist deshalb keine neue unabhängige Patientengruppe. Die dort insgesamt genannten 61 RCTs betreffen vier unterschiedliche Arzneimittelgruppen und sind nicht als 61 Cannabinoidversuche zu zählen. Für eine eigene aktuelle Cannabinoidbewertung wären die zugrunde liegenden Studien, ihre Überschneidungen und neuere Einzelarbeiten im Detail abzugleichen. [13]
Ausgewertet wurden 17 systematische Übersichten zu vier Arzneimittelgruppen. Für Cannabinoide berichtet der Review vorübergehende Appetitverbesserungen nur in sehr kurzen Studien [13].
Welche ergänzenden Studien nötig sind
Der nächste sinnvolle Schritt ist eine genauere Zuordnung von Präparat, Patientengruppe und Ziel. Eine Studie zu gestörtem Geschmackserleben kann andere Einschlusskriterien brauchen als ein Versuch zum Erhalt von Muskelkraft. Auch der bereits eingetretene Gewichtsverlust und die begleitende Krebstherapie sollten nachvollziehbar berücksichtigt werden.
Hilfreich wäre eine gemeinsame Erfassung von erlebtem Appetit, dokumentierter Nahrungsaufnahme, Körperzusammensetzung, Funktion und Lebensqualität. So ließe sich erkennen, ob eine Verbesserung in einem Bereich in weitere Vorteile übergeht oder vor allem einen eigenständigen symptomatischen Wert besitzt. Fehlende Daten und Abbrüche gehören von Beginn an in den Analyseplan.
Ein zusätzlicher Nutzen braucht den gesamten Behandlungskontext
Künftige Studien könnten klar beschriebene Ernährungs- und Unterstützungsprogramme als gemeinsame Grundlage nutzen. Damit wäre genauer erkennbar, welchen zusätzlichen Beitrag ein Cannabinoidpräparat leistet. Wachheit, Schwindel, mögliche Wechselwirkungen und andere Verträglichkeitsaspekte sollten gleichzeitig erfasst werden, besonders bei komplexer Begleitmedikation. Die Arzneimittelinformationen beschreiben diese Fragen präparatspezifisch; eine pauschale Sicherheitsbewertung aller Pflanzenprodukte wäre daraus nicht ableitbar.
Die positive Entwicklungsperspektive liegt in konkreteren Forschungszielen. Besserer Speisegenuss oder eine gezielte Appetitverbesserung könnten relevante Bausteine sein, wenn sie sich für eine bestimmte Gruppe bestätigen. Ein verlässlicher Nutzen bei Kachexie verlangt darüber hinaus passende Nachweise zu Funktion und Körperzusammensetzung. Der Leitfaden Medizinische Studien verstehen hilft dir, diese Fortschritte genau zu erkennen und voneinander zu unterscheiden.
Studienlage auf einen Blick
| Fragestellung | Studientyp | Teilnehmende | Kernbefund | Quelle |
|---|---|---|---|---|
| Dronabinol gegen Megestrolacetat | RCT (aktiver Vergleich) | n = 469 | Appetitbesserung 49 gegenüber 75 Prozent; Gewichtszunahme um mindestens 10 Prozent 3 gegenüber 11 Prozent. | [1] |
| THC/CBD-Extrakt, THC, Placebo | RCT | n = 243 | Kein Unterschied bei Appetit und Lebensqualität; Rekrutierung vorzeitig beendet. | [2] |
| THC bei verändertem Geschmack | RCT (Pilot) | n = 46 | Chemosensorische Wahrnehmung und Geschmack günstiger; Energieaufnahme in beiden Gruppen gebessert. | [7] |
| CBD bei Symptombelastung | RCT | n = 144 | Kein Unterschied in der Gesamtsymptombelastung an Tag 14 (p = 0,24). | [12] |
| Kachexie bei Krebs | Meta-Analyse | 4 RCTs, 6 weitere Studien | Kein Appetiteffekt; Lebensqualität zugunsten der Kontrolle. | [3] |
| Palliativmedizin, Krebs und HIV | Meta-Analyse | 9 RCTs, n = 1.561 | Kein signifikanter Appetiteffekt bei Krebs; Gewichtszunahme bei HIV mit sehr niedriger Vertrauenswürdigkeit. | [10] |
| HIV und AIDS | Systematischer Review (Cochrane) | 7 Studien | Kein gesicherter Unterschied bei Gewichtszunahme; Evidenz für Wirksamkeit fehlt. | [11] |
| Medikamente bei Kachexie | Umbrella-Review | 17 Übersichten | Für Cannabinoide keine signifikanten Effekte auf Gewicht, Appetit oder Lebensqualität. | [13] |
| Cannabinoide bei Krebs | Leitlinie (ASCO) | 4 RCTs zu Appetit | Keine Empfehlung für geringes Gewicht oder Appetit; niedrige Vertrauenswürdigkeit der Evidenz. | [5] |
Neuere Forschung 2024–2026
Die Leitlinie der American Society of Clinical Oncology von 2024 wertete vier RCTs zum Appetit aus. Eine Meta-Analyse von drei davon fand keinen signifikanten Effekt, zwei RCTs zum Gewicht keinen Vorteil. Für geringes Gewicht oder schlechten Appetit spricht die Leitlinie keine Empfehlung aus; sie verweist auf die ASCO-Kachexieleitlinie von 2020 mit einer schwachen Empfehlung gegen Cannabinoide bei Kachexie [5]. Die Finanzierung der Leitlinienarbeit trug ASCO [5].
Ein systematischer Review von 2024 zu älteren Menschen mit Krebs fand sechs Studien mit zusammen 869 Teilnehmenden, gesucht bis November 2023. Wegen unterschiedlicher Methoden war keine Meta-Analyse möglich; die Befunde zu Appetit und Gewicht waren uneinheitlich [14]. Der Umbrella-Review von 2026 bestätigt diese Einordnung [13].
Sicherheit und Wechselwirkungen in Studien
In der MedCan1-CBD-Studie unterschieden sich unerwünschte Ereignisse zwischen den Gruppen nicht signifikant, mit Ausnahme von Atemnot, die unter CBD häufiger auftrat [12]. Die US-Produktinformation zu Marinol führt eigene Abschnitte zu Warnhinweisen und Wechselwirkungen, die für dieses Präparat gelten [4].
Deutscher Bezugsrahmen
Die S3-Leitlinie Palliativmedizin (Langversion 2.2, September 2020) hält im Hintergrundtext zur Kachexie fest: „Andere Substanzen wie Cannabinoide, Cyproheptadin oder Hydrazinsulfat wurden zur Behandlung von Kachexie vorgeschlagen, jedoch konnte der Einfluss auf Appetit- oder Energiemangel bisher nicht in klinischen Studien bestätigt werden.“ Eine eigene Empfehlung dazu gibt sie nicht [15]. Die US-Zulassung von Marinol gilt nur für den US-Markt und begründet keine deutsche Zulassung [4]. Sachinformation, keine Therapie- oder Rechtsberatung.
Zahlen für Fachleser
- Simon: Appetit SMD −0,02 (95-Prozent-Konfidenzintervall −0,51 bis 0,46; I² als Maß für Heterogenität = 63 Prozent); Lebensqualität SMD −0,25 (−0,43 bis −0,07) [3].
- Mücke, Krebs: Appetit SMD 0,81 (−1,14 bis 2,75; I² = 98 Prozent); HIV: Gewicht SMD 0,57 (0,22 bis 0,92) [10].
- Lutge: mindestens 2 Kilogramm Zunahme, relatives Risiko (RR) 2,09 (0,72 bis 6,06; n = 139, davon 88 auswertbar) [11].
Häufige Fragen
Steigern Cannabinoide den Appetit bei Krebs?
In kontrollierten Studien ließ sich das nicht verlässlich zeigen. Eine Meta-Analyse von drei RCTs fand für Appetit keinen Unterschied zur Kontrolle [3], die ASCO-Leitlinie 2024 kam zu demselben Ergebnis [5]. Einzelne kurze Studien berichteten günstigere Appetitangaben, etwa bei verändertem Geschmackserleben [7].
Was unterscheidet Appetit, Gewicht und Muskelmasse?
Appetit ist das erlebte Verlangen zu essen, Gewicht die Summe aus Muskeln, Fett und Flüssigkeit. Kachexie ist nach der Konsensusdefinition vor allem ein fortschreitender Verlust an Skelettmuskelmasse, der sich durch Ernährung allein nicht vollständig umkehren lässt [6]. Ein besserer Appetit belegt deshalb noch keinen Muskelerhalt.
Wie schnitt Dronabinol im Vergleich mit Megestrolacetat ab?
In der Studie mit 469 auswertbaren Personen berichteten 49 Prozent unter Dronabinol eine Appetitbesserung, 75 Prozent unter Megestrolacetat. Eine Gewichtszunahme um mindestens 10 Prozent erreichten 3 beziehungsweise 11 Prozent. Die Kombination beider Arzneistoffe brachte gegenüber Megestrolacetat allein keinen zusätzlichen nachgewiesenen Vorteil [1].
Wofür ist Dronabinol in den USA zugelassen?
Die US-Produktinformation nennt für Erwachsene Appetitverlust mit Gewichtsverlust bei AIDS und, als zweite Indikation, Übelkeit und Erbrechen bei Chemotherapie [4]. Ein Cochrane-Review fand für eine Gewichtszunahme um mindestens 2 Kilogramm keinen gesicherten Unterschied [11]. Die Zulassung gilt für diese Krankheitskontexte und lässt sich nicht auf Krebskachexie übertragen.
Was sagt die deutsche Palliativleitlinie zu Cannabinoiden bei Kachexie?
Die S3-Leitlinie Palliativmedizin erwähnt Cannabinoide im Hintergrundtext zur Kachexie. Sie hält fest, dass ihr Einfluss auf Appetit- oder Energiemangel bisher nicht in klinischen Studien bestätigt werden konnte, und gibt dazu keine eigene Empfehlung [15]. Die Angaben sind Sachinformation, keine Therapieempfehlung.
Gibt es Daten speziell für ältere Menschen?
Ein systematischer Review von 2024 suchte gezielt nach Studien zu älteren Menschen mit krebsbedingtem Appetitverlust. Er fand sechs Studien mit 869 Teilnehmenden, darunter fünf randomisierte. Die Ergebnisse waren uneinheitlich, eine Meta-Analyse war nicht möglich [14]. Altersspezifische Daten zur Verträglichkeit fehlen in den geprüften Quellen weitgehend.
Weiterlesen im Wissensbereich
- Dronabinol: Ein Cannabinoid als Arzneistoff – beschreibt den in mehreren Kachexiestudien geprüften Wirkstoff und seine Zulassungen.
- Cannabinoide gegen Übelkeit: Forschung in der begleitenden Krebsmedizin – behandelt das zweite in der US-Produktinformation genannte Anwendungsgebiet.
- Standardisierte Präparate: Warum Qualität für medizinische Forschung zählt – erklärt, warum die genaue Zusammensetzung eines Prüfpräparats zählt.
- Medizinische Studien verstehen: Dein Weg durch die Evidenz – erläutert Endpunkte, Meta-Analysen und Evidenzstufen.
- Glossar Forschung und Medizin A–Z – erklärt die Fachbegriffe dieses Beitrags, darunter „Sarkopenie“, „Indikation“ und „Kachexie“, jeweils mit Quelle und Querverweisen.
Quellen
- Jatoi A, Windschitl HE, Loprinzi CL, Sloan JA, Dakhil SR, Mailliard JA, et al. Dronabinol versus megestrol acetate versus combination therapy for cancer-associated anorexia: a North Central Cancer Treatment Group study. J Clin Oncol 2002;20(2):567–573. PubMed PMID 11786587 · doi:10.1200/JCO.2002.20.2.567 Abstract geprüft
- Strasser F, Luftner D, Possinger K, Ernst G, Ruhstaller T, Meissner W, et al.; Cannabis-In-Cachexia-Study-Group. Comparison of orally administered cannabis extract and delta-9-tetrahydrocannabinol in treating patients with cancer-related anorexia-cachexia syndrome. J Clin Oncol 2006;24(21):3394–3400. PubMed PMID 16849753 · doi:10.1200/JCO.2005.05.1847 Abstract geprüft
- Simon L, Baldwin C, Kalea AZ, Slee A. Cannabinoid interventions for improving cachexia outcomes in cancer: a systematic review and meta-analysis. J Cachexia Sarcopenia Muscle 2022;13(1):23–41. PubMed PMID 34881518 / PMC8818598 · doi:10.1002/jcsm.12861 Volltext geprüft
- U.S. National Library of Medicine. DailyMed: MARINOL (dronabinol) capsules, US-Produktinformation, Revision Januar 2023. DailyMed Marinol Volltext geprüft
- Braun IM, Bohlke K, Abrams DI, Anderson H, Balneaves LG, Bar-Sela G, et al. Cannabis and Cannabinoids in Adults With Cancer: ASCO Guideline. J Clin Oncol 2024;42(13):1575–1593. doi:10.1200/JCO.23.02596 Volltext geprüft
- Fearon K, Strasser F, Anker SD, Bosaeus I, Bruera E, Fainsinger RL, et al. Definition and classification of cancer cachexia: an international consensus. Lancet Oncol 2011;12(5):489–495. PubMed PMID 21296615 · doi:10.1016/S1470-2045(10)70218-7 Abstract geprüft
- Brisbois TD, de Kock IH, Watanabe SM, Mirhosseini M, Lamoureux DC, Chasen M, et al. Delta-9-tetrahydrocannabinol may palliate altered chemosensory perception in cancer patients: results of a randomized, double-blind, placebo-controlled pilot trial. Ann Oncol 2011;22(9):2086–2093. PubMed PMID 21343383 · doi:10.1093/annonc/mdq727 Abstract geprüft
- National Cancer Institute. Cannabis and Cannabinoids (PDQ) – Health Professional Version. Aktualisierung 13.05.2025. NCI PDQ Cannabis and Cannabinoids Volltext geprüft
- Arends J, Strasser F, Gonella S, Solheim TS, Madeddu C, Ravasco P, et al. Cancer cachexia in adult patients: ESMO Clinical Practice Guidelines. ESMO Open 2021;6(3):100092. PubMed PMID 34144781 / PMC8233663 · doi:10.1016/j.esmoop.2021.100092 Volltext geprüft
- Mücke M, Weier M, Carter C, Copeland J, Degenhardt L, Cuhls H, et al. Systematic review and meta-analysis of cannabinoids in palliative medicine. J Cachexia Sarcopenia Muscle 2018;9(2):220–234. doi:10.1002/jcsm.12273 / PubMed PMID 29400010 / PMC5879974 Volltext geprüft
- Lutge EE, Gray A, Siegfried N. The medical use of cannabis for reducing morbidity and mortality in patients with HIV/AIDS. Cochrane Database Syst Rev 2013;(4):CD005175. doi:10.1002/14651858.CD005175.pub3 Volltext geprüft
- Hardy J, Greer R, Huggett G, Kearney A, Gurgenci T, Good P. Phase IIb Randomized, Placebo-Controlled, Dose-Escalating, Double-Blind Study of Cannabidiol Oil for the Relief of Symptoms in Advanced Cancer (MedCan1-CBD). J Clin Oncol 2023;41(7):1444–1452. PubMed PMID 36409969 · doi:10.1200/JCO.22.01632 Abstract geprüft
- Zamanian N, Mohajerani A, Barkhordar M, Rahimlou M, Amiri Khosroshahi R, Talebi S, et al. Pharmacological Treatments for Cancer-Related Anorexia-Cachexia Syndrome: An Umbrella Review of Systematic Reviews and Meta-Analyses. Nutr Cancer 2026;78(6):353–366. PubMed PMID 41950300 · doi:10.1080/01635581.2026.2652000 Abstract geprüft
- Ceolin C, De Rui M, Ravelli A, Papa MV, Devita M, Sergi G, et al. The potential of cannabinoids in managing cancer-related anorexia in older adults: a systematic review of the literature. J Nutr Health Aging 2024;28:100299. doi:10.1016/j.jnha.2024.100299 (Volltext, Repositorium Universität Padua) Volltext geprüft
- Leitlinienprogramm Onkologie (Deutsche Krebsgesellschaft, Deutsche Krebshilfe, AWMF). S3-Leitlinie Palliativmedizin für Patienten mit einer nicht-heilbaren Krebserkrankung, Langversion 2.2, September 2020. AWMF-Register-Nr. 128/001OL. S3-Leitlinie Palliativmedizin 2.2 (PDF) Volltext geprüft
Literatur geprüft am 22.10.2026 · GROWZENTRUM Redaktion · Wissenschaftliche Information, keine medizinische Beratung, keine Produktwerbung.



